
Michael Thoma Schulpsychologe
Wir haben schon mehrmals darauf hingewiesen: Teamfähigkeit wird beim Deutschen Gründerpreis für Schüler ganz groß geschrieben! Doch im zwischenmenschlichen Miteinander kann es immer wieder mal knirschen – gerade in stressigeren Situationen. Wie könnt ihr mit eurem Team solche Klippen umschiffen – darüber haben wir mit Michael Thoma gesprochen. Der 40-Jährige arbeitet in Oberbayern als Schulpsychologe.
Wie muss man im Team zusammenarbeiten, damit Konflikte von vornherein vermieden werden?
Michael Thoma: Zunächst ist es wichtig, dass man sich in der Formierungsphase kennen lernt und sich über die gemeinsamen Ziele und Aufgaben verständigt. Die zweite Phase eines Gruppenprozesses ist die Konfliktphase. Hier sollte die Gruppe durchaus Meinungsverschiedenheiten zulassen und sich sachlich austauschen. Wichtig in dieser Phase ist, dass man jedem Gruppenmitglied genug Zeit einräumt, seine Meinung darzustellen, auch wenn sie nicht sofort mehrheitsfähig ist. In der dritten Phase, der Normierungsphase, sollten die Rollen und Aufgaben klar verteilt werden. Auch die zeitliche Planung bzw. Struktur muss hier für und von allen Gruppenmitgliedern klar festgelegt, also normiert werden. Schließlich kommt die Gruppe in die Leistungsphase, in der dann endlich zielorientiert gearbeitet wird.
Das klingt in der Theorie gut. Aber wenn dann doch mal die Fetzen fliegen – wie geht man damit um?
Michael Thoma: „In einer Küche, in der es nicht raucht, wird auch nicht gekocht“. In diesem Sinne sind Konflikte durchaus erwünscht, wenn man sie als Entwicklungsaufgabe für die Gruppe sieht. Das heißt, dass eine Gruppe meist an ihren Problemen und Lösungen „wächst“ und sich das Wir-Gefühl immer besser entwickelt. Auch ist es wichtig, dass man immer wieder reflektiert, ob einzelne – eventuell selbsternannte – „Gruppenführer“ die Gruppe zu stark beeinflussen oder gar dominieren und das Ergebnis der Arbeit so einseitig wird. Bei Streitigkeiten kann mit der „Blitzlichtmethode“ Raum für freie Meinungsäußerung geschaffen werden.
Wie funktioniert diese Methode?
Michael Thoma: Die „Blitzlichtmethode“ hat sich gut bewährt. Jeder hat beispielsweise drei Minuten freie Redezeit, ohne dass man ihn oder sie unterbrechen darf. Durch aktives Zuhören und Nachfragen im Anschluss an die Blitzlichtrunde erfährt man dann mehr darüber, wie die einzelnen Gruppenmitglieder zu ihrer Meinung kommen und wo genau die Abweichungen liegen. Diese Informationen helfen dann bei der Lösung des Konflikts.
Wenn man sich im Team unwohl oder unverstanden fühlt, sollte man dann offensiv mit den anderen darüber reden?
Michael Thoma: Lieber „offen“ als „offensiv“ mit den anderen darüber reden! Wichtig sind hier das richtige Timing für das „Frustabladen“ und natürlich der richtige Ton. Beschuldigungen und Beleidigungen sind kontraproduktiv und sollten besser durch klare „Ich-Botschaften“ ersetzt werden, die die eigenen Emotionen ausdrücken, zum Beispiel „Ich bin jetzt echt richtig sauer, weil ich das Gefühl habe, ausgeschlossen zu werden!“ oder zum Beispiel „Unsere Teamarbeit würde mir ehrlich gesagt mehr Spaß machen, wenn ich das Gefühl hätte, dass meine Meinung auch zur Kenntnis genommen wird!“ Je ruhiger man dabei bleiben kann, umso wahrscheinlicher wird man gehört – und bitte immer vermeiden, die Konflikte hinter dem Rücken eines anderen zu thematisieren!
Im Wettbewerb arbeitet das Team an einer gemeinsamen Geschäftsidee. Da ist viel Kreativität und Engagement gefragt – und das kann sehr stressig sein. Wie wichtig ist es, nebenbei auch noch gemeinschaftliche Freizeiterlebnisse zu haben?
Michael Thoma: Hier gilt der gleiche Grundsatz wie fast überall im Leben: Mman sollte die richtige Mischung finden! Gemeinschaftliche Freizeiterlebnisse stärken das Wir-Gefühl, also den Gruppenzusammenhalt. Auch ist es wichtig, die anderen Gruppenmitglieder durchaus mal von einer anderen Seite zu erleben und dort zum Beispiel eine kreative Seite bei Jemandem zu entdecken, den man bisher im Team eher als „starr und konservativ“ eingeschätzt hat.
Wenn die Teammitglieder merken, dass sie Meinungsverschiedenheiten nicht mehr alleine regeln können, wo sollten sie dann Rat holen?
Michael Thoma: Es ist keine Schande für die Gruppe, sich auch mal Rat bei Erwachsenen zu holen. Das gilt beim Deutschen Gründerpreis für Schüler genauso wie im normalen Alltag. Eltern, Lehrer, Projektbegleiter, Stufenbetreuer, Vertrauenslehrer, Beratungslehrer oder Schulpsychologen werden oft gerne um Rat gefragt, wenn es um Gruppenaktivitäten und damit verbundene Aufgaben oder Probleme geht. Sie liefern meist neutrale Sichtweisen, die Probleme neu beleuchten und dadurch manchmal auch lösen können. Ideal ist es, wenn die Gruppe gemeinsam nach Rat fragt und nicht Einzelne sich „ältere Verbündete“ suchen, nur um ihren eigenen Standpunkt durch eine externe Meinung zu bestärken.